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„Wir wurden neu geboren“

Kunst und Ehrenamt fordern die Erneuerung der Gesellschaft – von unten

Rainer Görß und Thomas Noppen möchten vor allem eins: Menschen erreichen. Der eine als Objektkünstler, der andere als Experte für Social Entrepreneurship, also Unternehmen, die mit ihrem Geschäftsmodell gesellschaftliche Probleme lösen wollen. Obwohl ihre Berufe so unterschiedlich scheinen, haben sie überraschend viel gemeinsam – auch mit dem Mauerfall.

Rainer Görß und Thomas Noppen leben in Berlin. An einem verregneten Morgen im Oktober treffen sie sich in einem Kreuzberger Café zum ersten Mal – für ein Interview anlässlich des dreißigjährigen Mauerfall-Jubiläums.

Noppen hat das Social Startup HiMate! ins Leben gerufen und leitet die Organisation GoVolunteer. Damit will der 31-Jährige, wie er sagt, „Menschen aller Hintergründe die Möglichkeit geben, an unserer Gesellschaft teilzunehmen und sie aktiv mitzugestalten“. Görß ist bildender Künstler. In seinen Werken setzt er sich mit dem Spannungsfeld Stadt – Land – Mensch – Umwelt auseinander.

Im Gespräch stellen beide fest, dass ihre Arbeit zwar in unterschiedlichen Dimensionen stattfindet, sie aber dennoch sehr ähnliche Ziele verfolgen – und sich ähnlich wie zur Zeit des Mauerfalls eine Revolution von unten wünschen.

Herr Görß, im Gegensatz zu Thomas Noppen, der damals noch in der Nähe von Aachen in der Wiege lag, haben Sie den Mauerfall hautnah vor Ort erlebt. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Rainer Görß: Damals war ich 29 Jahre alt und als junger bildender Künstler sehr privilegiert: Ich hatte anlässlich einer Ausstellung in West-Berlin ein Visum, das mir ermöglichte, für neun Tage jederzeit in den Westen zu gehen. Daher war ich nicht in Ost-, sondern in West-Berlin, als die Mauer fiel.

Als ich davon erfuhr, fuhr ich sofort mit Freunden zum Checkpoint Charly. Dort war schon eine riesige Menschenmasse. Alle lagen sich in den Armen und sagten immer wieder „Wahnsinn, Wahnsinn“. Ich war mittendrin und konnte diesen Moment überhaupt nicht fassen.

Eine Weile stand ich sogar im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Fuß im Westen, mit dem anderen im Osten. So fühle ich mich aber, offen gestanden, heute oft noch.

Thomas Noppen: Heißt das, du vermisst die DDR?

Rainer Görß: Ich will die DDR nicht zurückhaben. Auch wenn ich, wie eben erwähnt, neun Tage lang absurd privilegiert war. Ich gehörte aber auch nicht zu denen, die weg wollten.

Ost-Berlin war Mitte der 1980er Jahre fast nicht mehr zu ertragen. Alle wollten ausreisen. Überall fanden Ausreisepartys statt, auf den Straßen standen Möbel. Deswegen bin ich erstmal nach Dresden gegangen, um dort Kunst zu studieren.

Als Künstler war ich durchaus kritisch. Meine Devise hieß: Dableiben, Widerstand leisten. Wahrscheinlich hat man mir deswegen das Visum gegeben. Vielleicht haben die Genossen gehofft, ich komme nicht mehr zurück.

Aber was meinen Sie damit, dass Sie heute noch das Gefühl haben, mit einem Fuß im Westen, mit dem anderen im Osten zu stehen?

Porträt: Rainer Görß, Zeitzeuge und bildender Künstler

Rainer Görß: Die DDR war nicht so grau wie immer alle sagen, sondern sehr lebendig: Die Leute haben gelebt, geliebt und natürlich auch gelitten. Das System war verkrustet, die Betriebe kaputt. Aber wir hatten einen Sozialstaat, den es so in der Bundesrepublik nicht mehr gibt.

Klar, wer Geld hat, lebt heute sehr komfortabel. Damals waren die Wohnungen kalt, und mit Kohlen zu heizen war nicht ideal. Aber wir hatten keine Angst vor sozialer Kälte oder vor Verarmung. Die Mieten waren im Gegensatz zu heute kein Thema.

Die DDR war ein repressives Regime. Jetzt leben wir in einem Existenzangst-Regime.

Was heißt das im Alltag?

Rainer Görß: Der soziale Druck führt dazu, dass viele Menschen in Omni-Konkurrenz gehen. Die individuelle Freiheit, die wir haben, fühlt sich gut an. Aber wenn jeder nur seines eigenen Glückes Schmied ist, heißt das auch: jeder gegen jeden. Die Künstler-Zirkel von damals gibt es nicht mehr. Heute ist jeder seine Marke. Das nervt.

Aber man muss fair sein: Es entstehen wieder neue, feinere Verknüpfungen. Neue Künstlergruppen, geradezu neue kulturelle und soziale Kollektivprozesse – aber hoffentlich jenseits der geschichtlichen Muster und des Zwangskollektivismus.

Das klingt wie ein Stichwort für Thomas Noppen. Mit seiner Arbeit erlebt er ein anderes Bild der Realität.

Porträt: Thomas Noppen, Experte für Social Entrepreneurship

Thomas Noppen: Richtig. Nicht nur in meinem Mikrokosmos, auch darüber hinaus erlebe ich, wie eine Art Re-Kollektivierung stattfindet. Doch auch dabei gibt es Probleme.

Bei mir hat die Arbeit für die Gemeinschaft mit der Flüchtlingskrise begonnen. Ich habe miterlebt, wie sehr viele Menschen in bester Absicht Spenden in die Flüchtlingsunterkünfte gebracht haben.

Aber oft wurden diese Dinge nicht gebraucht. Oder sie haben nicht die Menschen erreicht, die sie gebraucht hätten. Warum? Weil es keinen Austausch gab. Die Menschen reden nicht genug miteinander.

Mein Gedanke war daher, eine Plattform im Internet aufzubauen, wo sich die Menschen begegnen konnten, um Angebot und Nachfrage zu koordinieren. Das Interesse war sofort riesig.

Wir haben verstanden, die Menschen zusammenzubringen. Das ist digital und analog der Kern unserer Mission und Arbeit geworden. Wir ermöglichen, dass Menschen erstmal zusammenfinden und reden.

Rainer Görß: Ich kann mir gut vorstellen, dass das funktioniert. Aber die Arbeit im virtuellen Raum ist eher zweidimensional. Ich könnte das nicht. Ich brauche die Dreidimensionalität, damit meine Kunst die Menschen erreichen kann. Nur so entsteht ein Austausch.

Thomas Noppen: Virtuell allein reicht in der Tat nicht. Deshalb agieren wir nicht nur digital, also zweidimensional. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht darin, dass sich die Menschen in der realen Welt begegnen.

Warum sind Begegnung und Austausch so wichtig?

Rainer Görß: Weil das Teil unseres genetischen Codes ist. Jede Zelle definiert sich auch über ihre Membran – über Abgrenzung ebenso wie den Kontakt zum Außen. Wir müssen ja nicht wie die Indianer am Lagerfeuer sitzen. Aber mehr Begegnung und Austausch sind wichtig, damit wir uns vielleicht verstehen.

Das gilt auch für den Austausch zwischen den Generationen. Alte und junge Menschen müssen dringend mehr miteinander sprechen. Wir brauchen einander, auch wenn wir uns oft mit Ablehnung oder zumindest Desinteresse begegnen.

Auch diese Mauer müssen wir einreißen. Wenn uns das nicht gelingt, müssen wir zumindest Wege finden, sie zu überwinden.

Thomas Noppen: Das sehe ich genauso. In meinem Freundeskreis sind wir uns immer alle sehr schnell einig. Es wird Zeit, dass ich mich auch mehr mit politisch Andersdenkenden austausche. Das ist nicht immer leicht, aber der einzige Weg, wenn wir wollen, dass die Gesellschaft wieder mehr zusammenwächst.

Ist das ein Auftrag an uns alle – für eine bessere Zukunft?

Rainer Görß: Der Mauerfall wurde auch erst möglich, weil sich die Menschen – das Volk – quasi selbst begegnet sind und sich offener ausgetauscht haben. Seitdem sind 30 Jahre vergangen. Vieles lief gut. In gewisser Hinsicht wurden wir alle zumindest im Osten, etwas übertrieben formuliert, an diesem Tag neu geboren.

Aber vieles ist auch in die Hose gegangen. Wir müssen unsere Fehler wiedergutmachen. Das meine ich sowohl auf politischer als auch auf privater Ebene. Ich wäre froh, wenn wir Menschen uns weiterentwickeln.

Wir brauchen eine gründliche Erneuerung von unten, sozusagen eine positive Globalisierung. Und wir brauchen Schalen, also soziale Gehäuse, in denen wir uns zuhause fühlen können – nicht neue soziale Mauern.

Thomas Noppen: Absolut. Wie ich schon gesagt habe: Menschen jeder Couleur müssen an einen Tisch. Wir müssen weniger Zeit damit verbringen, uns permanent nur zu sagen, dass wir uns nicht gut finden.

Es liegt an jedem von uns, unsere Gesellschaft von unten zu gestalten. Nur wenn alle mitmachen, gelingt ein Wandel, der auch alle mitnimmt.


Thomas Noppen ist Gründer und Geschäftsführer von HiMate! und Geschäftsführer von GoVolunteer. HiMate! entstand 2015, als besonders viele Geflüchtete in Berlin ankamen. Anfangs vermittelte die Online-Plattform größtenteils Sachspenden von Unternehmen an Geflüchtete. Inzwischen ist sie zu einer Community herangewachsen, die mittlerweile in mehreren deutschen Städten regelmäßig Grillabende, Fußballturniere oder Filmabende veranstaltet. Dort können sich „Newcomer“ und „Locals“ besser kennenlernen. Außerdem vermittelt HiMate! Gutscheine für Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen von knapp 100 Unternehmen, die Geflüchteten und anderen Bedürftigen einen Teil ihrer Angebote kostenlos zur Verfügung stellen. GoVolunteer ist eine deutschlandweite Helfer-Community, die über ehrenamtliches Engagement Begegnung und Austausch ermöglicht. Damit haben die Menschen die Chance, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Ähnlich wie bei HiMate! geht es auch GoVolunteer darum, Begegnungen zu ermöglichen, damit Integration gelingt und die Gesellschaft zusammenwächst.


Rainer Görß studierte Anfang der 1980er Jahre Malerei und Bühnenbild in Dresden und war Mitglied der Künstlergruppe Autoperforationsartisten. In Berlin betreibt er mit Ania Rudolph das U 144 Untergrundmuseum. Die Mission des U144 und seiner Forschung Ost (Gesellschaft für Expansionsforschung, gegründet 1990) ist die komplexe Kritik an der Wachstumsideologie der Industriegesellschaft. Außer in Deutschland arbeitet er in verschiedenen europäischen Ländern, den USA und Brasilien und stellt dort seine Werke in Einzel- und Gruppenausstellungen aus. Mit seinen Zeichnungen, Objekten und Videoarbeiten setzt er sich mit Organisationsstrukturen zwischen Stadt und Land, Mensch und Natur auseinander. Basis seiner Arbeiten ist das Spannungsfeld zwischen freien bildnerischen Arbeiten, Auftragsdokumentationen und Image-Videos über Architektur, Wirtschaft und Geschichte.


Die Sparkassen setzen schon seit ihrer Gründung vor 200 Jahren auf so zentrale Werte wie Zusammenhalt und Gemeinwohl. Um die Bedeutung der Gemeinschaft stärker in die Wahrnehmung der Gesellschaft zu rücken, hat die Sparkassen-Finanzgruppe im vergangenen Jahr eine Kampagne mit dem Slogan „Gemeinsam allem gewachsen“ gestartet.

Sehen Sie unsere spannenden Gespräche zum Mauerfall: