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Individualität und Freiheit

Punk sein – gemeinsam stark sein

Geralf Pochop und Vincent Tomczak sind Punkrocker. Auch wenn sie beide in der Elbstadt Torgau leben, kannten sie sich bis vor Kurzem nicht persönlich. Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer treffen sie sich an der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg. Sie sprechen über den Mauerfall, den Zusammenhalt unter Punks in existenziellen Situationen – und die Toten Hosen.

Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg. Geralf Pochop erlebte hier in den 1980er Jahren eines seiner ersten Punkrock-Konzerte. Damals war die Kirche, wie viele andere in der DDR auch, ein Ort des Widerstands. Mitglieder der Friedensbewegung trafen sich hier genauso wie Punks und andere Regimekritiker.

Dem Regime waren die Menschen auf dem Kirchgelände ein Dorn im Auge. Polizei und Staatssicherheit gingen oft repressiv gegen sie vor. Während der Wendezeit 1989 zeigten die Medien weltweit Bilder der Erlöserkirche.

Geralf Pochop kam 1964 in Halle (Saale) zur Welt, Punk wurde er in seiner Jugend. Jetzt, nur wenige Wochen vor dem 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum, sitzt er auf einer Bank hinter dem neogotischen Backsteingebäude.

Neben ihm sitzt Vincent Tomczak. Der sechzehnjährige Auszubildende ist ebenfalls Punk. Beide leben in der Elbstadt Torgau. Aber sie haben sich hier getroffen, weil die Kirche eine so besondere Rolle in Pochops Leben und in dem vieler anderer DDR-Punks spielte.

Es ist ein kalter Tag. Aber die Herbstsonne scheint den beiden ins Gesicht, als sie über damals sprechen. „Du konntest verhaftet werden, nur weil du auf ein Punkkonzert gingst“, sagt Pochop. „Polizei und Stasi haben gerade uns Punks immer wieder drangsaliert, schon allein wegen unseres Aussehens.“

Gleichlaufschwankung trifft auf Körperspannung

Vincent war zur Zeit des Mauerfalls noch nicht auf der Welt. Die Lebensumstände in der DDR kennt er vor allem aus den Erzählungen seiner Eltern. Von Geralf Pochop hatte er zuvor schon gehört, war auf einem seiner Konzerte. Pochops Band „Gleichlaufschwankung“ ist in der deutschen Punkszene sehr bekannt.

Vincent ist auch Punkrocker. Er singt und spielt den Bass in der Torgauer Band „Körperspannung“. Geralf Pochop ist ein Vorbild für ihn. Er hat extra seine Gitarre mitgebracht, um ein paar seiner Lieder für ihn zu spielen. Aber vor allem Pochops Lebenserfahrung als Punk interessiert ihn sehr. „Stimmt es, dass ihr euch als Bauarbeiter verkleidet habt, um ungehindert zu Konzerten zu kommen?“, fragt er.

„Das stimmt“, erinnert sich Pochop und lacht. „Oft haben Punks einen Blaumann über ihre normalen Klamotten gezogen und einen Bauarbeiterhelm aufgesetzt, um die Frisuren zu verstecken. So haben wir die Stasi überlistet.“ Manchmal habe er das sogar gemacht, um ungestört einkaufen zu können.

„Es gab einen DDR-Paragrafen zur Erregung öffentlichen Ärgernisses. Der hat es der Polizei erlaubt, uns jederzeit zu verhaften oder uns 500 Mark Ordnungsgeld aufzudrücken“, sagt er. „Weil wir so aussahen, wie wir aussahen, galten wir schon als regimefeindlich.“

Zuckerwasser und Stasi-Verhöre

Porträt: Geralf Pochop, Zeitzeuge, Autor und Punkrocker

Pochop fiel damals oft auf, nicht nur in seiner Heimatstadt. Er trug meistens dunkle Kleidung und schwarze Tücher. Seine Netzhemden häkelte er selbst. Jeden Tag stylte er seine dunklen Haare mit Zuckerwasser oder Kernseife zu einer wilden Mähne.

Nach seiner Ausbildung zum Funkmechaniker Anfang der 1980er Jahre bekam er auf Grund seiner unangepassten Haltung bald Berufsverbot. Er hatte Kontakte zur Friedensbewegung, war auf Demos und ging auf Punkkonzerte. Später organisierte er mit Freunden selber Konzerte in der Hallenser Christusgemeinde.

In dieser Zeit entschloss er sich, den Wehrdienst zu verweigern. Schlug sich mit Gelegenheitstätigkeiten durch, als Galerieaufsichtskraft, Siebdruckhelfer, Gasleuchtenwärter oder Mitarbeiter der Zentralspüle in Leuna. Und immer wieder verhörte ihn die Stasi.

„Die ganze Situation war absurd“, sagt er. „Sie haben mich gegängelt, wo sie nur konnten. Aber sie haben auch versucht, mich als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben. Einmal haben sie mich sogar in einen Wald entführt und einfach dort zurückgelassen, als ich mich weigerte.“

Schwerter zu Pflugscharen

„Haben sie dich auch verhaftet?“, fragt Vincent. „Mehrfach. Das erste Mal wegen eines ‚Schwerter zu Pflugscharen‘-Aufnähers der Friedensbewegung. Ein anderes Mal auf dem Berliner Alexanderplatz. Punks durften dort nicht sein. Verboten. In Dresden durften wir eine Zeit lang nicht mal in eine Kaufhalle gehen oder mit der Straßenbahn fahren.“

Das letzte Mal wurde Pochop am 7.10.1987, dem 38. DDR-Geburtstag, verhaftet und vor Gericht gestellt. Die Anklage: Öffentliche Herabwürdigung, Verleumdung und Beleidigung des Staates, staatlicher Institutionen und ihrer Mitarbeiter. Die Vorwürfe: frei erfunden. Die Strafe: sechs Monate Haft. Kurz vorher hatte er einen Ausreiseantrag gestellt.

„Ein halbes Jahr haben sie mich in den Bau gesteckt. Aber unterkriegen konnten sie mich trotzdem nicht“, sagt Pochop mit fester Stimme. „Als ich wieder raus war, habe ich direkt wieder Konzerte organisiert, Protesterklärungen unterzeichnet und weiter den Wehrdienst verweigert. Außerdem habe ich Artikel für eine Untergrundzeitung geschrieben und diese in Halle verteilt.“ Danach dauerte es nicht mehr lange: „Kurz vor den Wahlen 1989 haben sie mich ausgewiesen.“

„Als Punk war ich nie lange alleine“

„Krass“, sagt Vincent und atmet hörbar aus. „Wie hast du das alles überstanden?“ „Einfach war das nicht. Die Stasi-Offiziere haben sich große Mühe gegeben, mich fertig zu machen. Bei manchen ist ihnen das gelungen. Einige Freunde sind traumatisiert und leiden heute noch unter der Zeit damals.“

„Du nicht?“ „Nicht mehr. Ich habe das aufgearbeitet, zum größten Teil in meinem Buch ‘Untergrund war Strategie‘. Ein Aspekt war in dieser schweren Zeit ganz wichtig: Als Punk war ich nie lange alleine“, betont Pochop.

„Nach meiner Ausreise haben mir Freunde aus der DDR-Subkultur-Szene, die schon früher ausgereist waren, geholfen im Westen anzukommen. Wir haben uns sowieso immer gegenseitig unterstützt – auch vorher schon im Osten.“

„Was meinst du damit genau?“, hakt Vincent nach. „Alleine wären wir untergegangen. Also haben wir uns gegenseitig durchgezogen. Wer Geld hatte, hat auch für alle anderen Essen gekauft. Gerade wenn ich keine Arbeit hatte, hat mir diese Gemeinschaft das Leben sehr erleichtert.“

Solidarität statt Selfies

Porträt: Vincent Tomczak, Auszubildender und Punkrocker

„Das geht uns jungen Punks heute noch so“, bestätigt Vincent. „Auch wegen eures Aussehens?“, fragt Geralf. „Nicht nur“, erklärt Vincent, „eine Zeitlang haben mich die rechten Jungs an unserer Schule immer wieder zusammengeschlagen, weil ich mit einem schwarzen Klassenkameraden befreundet war.“

Das war vor ungefähr zwei Jahren. Sein Schulfreund ist mittlerweile mit den Eltern weggezogen. Vincent ist danach Punk geworden. „Diese Erlebnisse haben mich politisiert“, betont er. Toleranz und Empathie waren ihm schon immer wichtig, genauso wie Solidarität und kritisches Hinterfragen.

Aber erst mit den Erfahrungen, die er machen musste, entwickelte sich daraus eine Weltanschauung. So wie Pochop in den 1980er Jahren trägt Vincent heute dunkle Kleidung, fast immer eine schwarze Lederjacke und ein Nietenhalsband. Auf seinem Kopf leuchten seine Haare in einem grün-pinken Irokesenschnitt.

„Ich bin Punk in einer Zeit, in denen es den meisten wichtiger ist, Selfies von sich zu machen, als zu schauen, was in unserem Land passiert oder wie es ihren Nachbarn geht. Das war in meinem Fall fast schon logisch“, sagt er rückblickend.

Individualität, Schutz und die Toten Hosen

„Was heißt es denn für dich, Punk zu sein?“, fragt Geralf. „Als Punk bin ich ein frei und kritisch denkendes Individuum. Aber das kann ich nur sein, weil wir uns als Gruppe gegenseitig unterstützen und offen gestanden auch beschützen“, antwortet Vincent.

„Kommt mir bekannt vor“, sagt Geralf lächelnd. „Lass uns mal in die Kirche gehen.“ Er steht auf, Vincent folgt ihm. Sie betreten den Kirchenbau durch eine Seitentür und gehen gemeinsam durch die Reihen zum Altar. „Hier vorne haben 1983 Blues-Bands gespielt. Die Leute standen dicht gedrängt auf den Holzbänken und haben wild getanzt. Draußen vor der Kirche spielten die Punk-Bands“, erzählt er.

„Ein anderes Mal sind die Toten Hosen hier aufgetreten – im Keller vor 15 Zuschauern. Das Konzert war natürlich nicht angemeldet. Die Hosen sind getrennt voneinander und in unauffälligen Outfits als Touristen eingereist, um an der Grenze keinen Verdacht zu erwecken. Das Konzert hat dann gut eine halbe Stunde gedauert. Instrumente und Anlage hat ihnen die Band "Planlos" gestellt, die sind am selben Abend auch aufgetreten. Das alles ging nur, weil alle zusammengehalten haben“, betont er. „Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft.“

Gemeinschaft und Gemeinwohl sind Werte, die auch für die Sparkassen zentral sind – schon seit ihrer Gründung vor 200 Jahren. Im vergangenen Jahr haben sie eine Kampagne gestartet, die diese Werte mit dem Slogan „Gemeinsam allem gewachsen“ in den Mittelpunkt rückt.

Zu sechst gegen Rechts

„Die Mauer fiel erst sechs Jahre nach dem Konzert. Aber alle, die hier waren, haben auf ihre Weise dazu beigetragen“, fügt Pochop hinzu. „Als Punks standen wir am Rand der Gesellschaft. Aber wir waren eine Keimzelle, die eine Menge bewegt hat.“

„Das gilt für uns auch“, sagt Vincent stolz. „Wir heben uns von der Masse ab und provozieren, um auf Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Als vor einem Jahr die AFD mit 300 Leuten auf dem Markt in Torgau demonstriert hat, haben wir uns denen mit unserer Musikbox zu sechst in den Weg gestellt und Punklieder gespielt.“

„Das habt ihr euch getraut? Hattet ihr keine Angst?“, fragt Geralf beeindruckt. „Doch, klar“, gibt Vincent zu. „Wir waren gerade mal 15 Jahre alt. Aber wir standen da gemeinsam.“

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