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Grenzen weg. Auch im Kopf.

Ein Vergleich zwischen Gestern und Heute – zwischen Ich und Wir

Heike Legler und Denis Kappes, zwei Menschen, die vorher nie voneinander gehört haben, begegnen sich an der Bösebrücke in Berlin – einer der Orte, an denen der Mauerfall zwischen DDR und Bundesrepublik zuerst Realität wurde. Die eine ist Zeitzeugin aus Ost-Berlin. Sie überquerte hier vor 30 Jahren die Grenze. Der andere, damals noch Kleinkind, lebte in Heidelberg und ist heute Musiker in Köln. Zwei Fremde, Vertreter verschiedener Generationen und unterschiedlicher Lebensmodelle, stehen dennoch für etwas Gemeinsames: ein offenes Miteinander – ohne Grenzen.

©picture alliance / dpa-Zentralbild / akg-images / imageBROKER

Die Bösebrücke in Berlin markiert heute einfach nur den Übergang zwischen den beiden Stadtteilen Prenzlauer Berg und Wedding. Vor 30 Jahren war sie noch Grenzübergang zwischen Ost und West, trennte nicht nur zwei Länder, sondern zwei Systeme die plötzlich wieder zu einem werden sollten.

Als Heike Legler langsam über die Bornholmer Straße auf die Stahlbrücke zugeht, kommen ihr die Tränen. „Das ist wie damals, die Gefühle haben sich nicht geändert“, sagt sie bewegt. Damals, das war am 9. November 1989, der Tag ihres 29. Geburtstags – und der Tag, als die Mauer fiel. Auch damals liefen ihr die Tränen.

Sofort, unverzüglich

Am Abend des 9. November stoßen Heike Legler und ihr Mann in ihrer Wohnung in Hohenschönhausen mit einem befreundeten Ehepaar auf ihren Geburtstag an. Die beiden Kinder haben sie vorher zu den Großeltern gebracht. Im Hintergrund läuft der Fernseher.

Plötzlich hören sie die entscheidenden Worte des SED-Politbüromitglieds Günter Schabowski, die später wie ein Lauffeuer um die ganze Welt gehen: „Sofort, unverzüglich.“

Künftig könnten Privatreisen ins Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden, sagt Schabowski, die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt. Ein Journalist fragt nach, Schabowski sagt, weil er es nicht besser weiß, diese Regelung trete sofort in Kraft, unverzüglich.

„Wir hatten schon in den Wochen vorher gespürt, dass etwas kommen würde“, erinnert sich Heike Legler, „aber damit hatten wir nicht gerechnet.“

Und dann fuhren sie zusammen mit dem Auto zum Grenzübergang Bösebrücke. Sofort und unverzüglich. „Wir gehörten zu den ersten, die die Brücke passierten“, sagt sie, noch immer mit bewegter Stimme. „Auf der anderen Seite wurden wir sogar gefilmt und waren später im Westfernsehen zu sehen.“

Freiheit – mehr erstmal nicht

Porträt: Heike Legler, Zeitzeugin und Mitarbeiterin im Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV)

Danach habe sich gar nicht so viel für sie geändert. „Zuerst habe ich begonnen, Konzerte zu besuchen, die ich mir vor dem Mauerfall nicht ansehen konnte“, sagt sie. Später habe sie dann begonnen, mit ihrer Familie zu reisen. „Wir waren überall in Europa. Aber zu Hause haben wir so gelebt wie immer. Unser Leben war auch vor dem Mauerfall gut.“

Ein Leben ohne Grenzen ist ein Thema, das auch Denis Kappes beschäftigt. „Mir geht es dabei vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen, um die Liebe“, erklärt er.  In seinem Lied „Mondo Amore“ – zu Deutsch „Welt der Liebe“ – singt der Kölner Musiker darüber, wie sich Menschen ganz unverhofft ungehindert und grenzenlos begegnen.

„Das Lied fasst zusammen, um was es mir geht: In der Liebe darf es keine Grenzen geben,“ sagt er, als er neben Heike Legler auf der Bösebrücke steht. Kappes macht nicht nur Musik, er hat mit Freunden ein eigenes Plattenlabel. Er ist heute etwas älter, als Heike Legler am Tag des Mauerfalls war.

„Kein System darf die Liebe limitieren“, führt Kappes seinen Gedanken fort. „Im Gegenteil: Politik muss die Liebe fördern.“ Ein Land, das seine Bewohner sogar mit Gewalt davon abhalte, eigene Entscheidungen zu treffen oder zu reisen, habe für ihn sein Existenzrecht verwirkt, sagt er mit Blick auf das restriktive Vorgehen des DDR-Staats.

Leben und lieben im globalen Dorf

Porträt: Musiker Denis Kappes

Immer wieder schauen beide abwechselnd in Richtung Wedding, den alten Westen, und Prenzlauer Berg, den alten Osten. Währenddessen fährt unter der Brücke eine S-Bahn hindurch, nach Bernau, eine Kleinstadt im Berliner Umland. „Freies Reisen ist ein Luxusgut“, sagt der Sänger. Dieser Umstand werde viel zu oft ignoriert, deswegen will er ihn stärker in das Bewusstsein der Menschen rücken.

„Nur Handgepäck und nothing to declare“, lautet eine Zeile in seinem Lied. Sie bringt auf den Punkt, wie privilegiert das Leben in der Europäischen Union ist. „Aber obwohl sich viele Menschen ungehindert überall in unserem globalen Dorf bewegen und lieben können, haben sie Grenzen im Kopf“, sagt Kappes.

Deswegen will er mit dem Video zu „Mondo Amore“ ein Zeichen gegen nationalistische Tendenzen und den Rechtsruck in Europa setzen. Das Musikvideo zeigt den Sänger an Flughafen-Terminals, Bahnhöfen und anderen Orten der Ankunft und des Aufbruchs. „Entstanden ist es nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Hessen, Kalifornien, Mecklenburg, Baden-Württemberg und Québec“, erklärt er.

Gemeinsam, auf Augenhöhe…

Unterdessen betont Heike Legler, dass in den vergangenen Jahren einige Werte für sie sehr an Bedeutung gewonnen haben. Vielleicht weil sie heute nicht mehr so selbstverständlich sind: „Füreinander da zu sein, sich gegenseitig zu helfen und sich auf Augenhöhe zu begegnen, das klingt vielleicht banal“, sagt sie. „Aber wir Menschen brauchen all das.“ Ohne Zusammenhalt gehe nichts.

Sie lehnt das Einzelgängerverhalten und Ellbogendenken ab, das ihr heute oft begegnet. „Mein Mann und ich haben schon alles Mögliche erlebt, auch mal Arbeitslosigkeit. Aber wir waren dabei nie allein“, sagt sie nachdrücklich. Seit einigen Jahren arbeitet sie als IT-Assistentin beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV).

Die Sparkassen schrieben sich die Themen Gemeinwohl und Zusammenhalt schon bei ihrer Gründung vor 200 Jahren auf die Fahnen. Vor gut einem Jahr haben sie eine Kampagne gestartet, die diese Werte mit dem Slogan „Gemeinsam allem gewachsen“ in den Mittelpunkt stellt.

... und ehrlich

„Wir hatten schon vor dem Mauerfall denselben Freundeskreis wie heute. Das sind Menschen, mit denen wir segeln. Wir sind ein kleiner Verein, überhaupt nicht elitär. Wir haben Zeit füreinander und teilen viele wunderschöne Erlebnisse“, erzählt sie glücklich. „Wir mussten auch schon gemeinsam kämpfen, um unseren Verein zu erhalten.“

Ohne diese Gemeinschaft würde Heike Legler das Leben nur halb so viel Spaß machen. „Egal ob Politik, Kultur oder Segeln – wir können ganz offen über alles reden“, betont sie, „ganz offen und sachlich, ohne Streit.“

Ihm sei Ehrlichkeit wichtig, sagt Denis Kappes. Ehrlichkeit und Authentizität. „Es darf auch mal Krach geben. Wenn wir nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben, kann keine Gemeinschaft entstehen“, erklärt er. Gemeinschaft sei wichtig, wenn man etwas Großes bewegen wolle – so wie den Mauerfall.

Unter der Bösebrücke fährt wieder eine S-Bahn hindurch. Diesmal in die entgegengesetzte Richtung, nach Mitte. Mondo Amore.

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