Geflüchtete engagieren sich ehrenamtlich und fördern damit ihre Integration

A wie Anstoß, Anfeuern – und Ankommen

30 Millionen Deutsche machen sich stark für andere und tragen so zu einer lebendigeren und lebenswerteren Gesellschaft bei. Im hessischen Egelsbach tun das seit einer Weile auch Geflüchtete – und erleben, wie dieser Beitrag ihr neues Leben verändert.

Ein buntes Gewusel. Achtzehn Kinder, alle fünf Jahre alt, laufen quer durcheinander, aufeinander zu, zum Tor, zu ihren Eltern am Hallenrand, wieder zu anderen Kindern. Dann – ein heller Pfiff. Mitten in der Halle steht Adam, fast zwei Meter groß, breites Lächeln, mit einer gelben Trillerpfeife in der rechten Hand.

Sofort laufen die Kinder zu ihm. Gemeinsam mit ihnen setzt er sich in einen Kreis und erklärt, wie das Training verlaufen wird. Ungeduldig hören ihm die Mädchen und Jungen zu. Sie können es kaum abwarten, endlich anzufangen. Doch sie warten, bis er ihnen das Zeichen gibt aufzustehen.

Das Fußballtraining des Jahrgangs 2013 in Egelsbach ist immer samstags in der Turnhalle der Gemeinde bei Frankfurt am Main. Adam leitet es seit August 2018 gemeinsam mit Daniela Werkmann. Mit ihr teilt er nun auch die Kinder in zwei Gruppen ein, um bei den Aufwärmübungen alle besser im Blick zu haben. 

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„Fußball-Deutsch/Deutsch-Fußball“

Es ist noch nicht lange her, als Adam das erste Mal in diese Halle kam. Das war 2014, als die Sportgemeinschaft Egelsbach 1874 e.V. (SGE) „Mitternachtsfußball für Flüchtlinge“ anbot. Immer freitags ab 22 Uhr. „Zuerst waren es 16, dann 40, dann 60 junge Männer“, erzählt Thomas Geiß, der Integrationsbeauftragte des Vereins.

Die SGE engagierte sich schon seit vielen Jahren in der Flüchtlingsarbeit. „Geflüchtete bei uns aufzunehmen, war für uns nichts Neues“, sagt Geiß. „Neu war, dass die jungen Männer sich auch im Verein engagieren wollten.“

Einer von ihnen war Adam. Adam Abdullahi Ali aus Somalia. Er kam 2013 mit seiner Frau nach Deutschland. Damals konnte er kaum ein Wort Deutsch. Das änderte sich schlagartig, als die SGE einen Sprachkurs anbot, damit er und andere Geflüchtete besser im Verein Fuß fassen konnten.

Unter der Leitung von Thomas Geiß entstand das deutschlandweit einzigartige Projekt „Fußball-Deutsch/Deutsch-Fußball“. Der Kurs vermittelt Begriffe aus dem Fußball in praktischen und theoretischen Lehreinheiten. 

Fußball Flüchtlinge
Sport als Beispiel für die Strukturen der deutschen Gesellschaft

Kernstück ist ein „Kartenspiel“ mit mehr als 160 Kärtchen, die Begriffsbeschreibungen von A wie Anstoß bis Z wie Zweikampf umfassen. Die Teilnehmerunterlagen zu den Karten tragen jeweils die deutsche, englische und arabische Benennung des zusätzlich aufgemalten Begriffs.

„Außerdem habe ich den Geflüchteten die Strukturen und Aufgaben unseres Vereins und der deutschen Sportverbände erklärt“, erzählt Geiß. Zugleich thematisierte er in digitalen Präsentationen das Grundgesetz, die demokratischen Werte einer pluralistischen Gesellschaft und den staatlichen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland.

„Damit gelang es mir, sie auf ihr ehrenamtliches Engagement vorzubereiten“, fügt er hinzu. Anschließend konnten sie sich weiterqualifizieren und als Betreuer oder Trainer eines Teams oder als Schiedsrichter in Egelsbach und den umliegenden Orten aktiv werden.

Das tat Adam. Mit der Hilfe der SGE machte er seinen Übungsleiter-Schein. „Nebenbei habe ich Trainingstipps im Internet gelesen und mir YouTube-Videos angeschaut, um ein besserer Trainer zu werden“, erzählt er stolz, während die Fünfjährigen nun in einer Reihe stehen und nacheinander aufs Tor schießen.

Fußball Flüchtlinge
Ehrensache: Gemeinsam geben und nehmen

Als einer von ihnen dabei fast stolpert, läuft Adam hin und schnürt die Schuhe neu. „Das kommt öfter vor“, sagt er, wieder zurück am Hallenrand, mit einem Grinsen. „Trösten ist auch wichtig. Mit ihnen zur Toilette gehen auch. Aber das macht mir nichts aus. Die Arbeit mit den Kleinen macht mir großen Spaß.“

Daniela Werkmann nickt. Sie ist begeistert davon, wie er ihnen das Fußballspielen beibringt. „Ohne Adam gäbe es diese Gruppe gar nicht“, sagt sie. „Ich könnte das nicht ohne dich“, betont er.

„Fußball-Deutsch/Deutsch-Fußball“ hat auch vielen anderen bei der Integration geholfen. Aufgrund des großen Erfolgs bietet die Sozialstiftung des Hessischen Fußballverbandes den Kurs seit einer Weile landesweit an. Ende 2017 nominierte die Jury des Deutschen Bürgerpreises die SGE für den bundesweit größten Ehrenamtspreis. Die maßgeblich von den Sparkassen veranstaltete Initiative hob dabei hervor, das Projekt fördere ganz besonders, dass die Geflüchteten ehrenamtlich aktiv werden.

Fußball Flüchtlinge
Bereit für die neue Heimat

Die zweite Hälfte des Trainings beginnt. Die Kinder können es kaum erwarten, endlich Fußball zu spielen. Adam stellt ein zweites Tor auf und ruft: „Seid ihr bereit?“ Alle Kinder antworten mit einem lauten Ja! „Sehr gut! Auf geht’s!“, sagt er, pfeift zum Anstoß und feuert beide Mannschaften an.

Am Ende des Trainings sind alle Kinder außer Puste, verschwitzt und glücklich. Adam verabschiedet sich von ihnen und ihren Eltern. Er klappt die Tore zusammen und fährt sie weg.

Nachdem er die Halle abgeschlossen hat, nimmt er sich noch die Zeit, eine Frage zu beantworten: Erleichtert Fußball die Integration? „Auf jeden Fall“, betont er. „Als wir herkamen, mussten wir zwei unserer Kinder zurücklassen. Freunde aus dem Verein haben uns geholfen, die Formulare für den Familiennachzug auszufüllen“, sagt er. „Alleine hätten wir das nicht gekonnt.“

Doch der Fußball hat noch mehr geschafft: „Gleichzeitig habe ich mit Thomas‘ Hilfe so gut Deutsch gelernt, dass ich das Geld für meine Familie verdienen kann“, betont Adam. „Ich bin angekommen.“

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