Voltigieren

Erfolg ist eine Frage des Teamworks

Janika und Johannes sind verliebt. Nicht ineinander, sondern in ihren Sport. Die beiden Neusser sind begeisterte Voltigierer. Sie sind noch nicht einmal 30 Jahre alt – aber schon jetzt mehrfache Deutsche Meister, Europäische Meister und Weltmeister. Dabei sind sie vor allem eines: Teammenschen.

Zwei Voltigier-Profis mit ihrem Pferd

Frech knabbert Diamond Sky am T-Shirt von Janika Derks. Es ist Sonntagmorgen, sieben Uhr. Andere Leute in ihrem Alter kommen jetzt gerade aus dem Club oder liegen noch im Tiefschlaf. Die 28-Jährige dagegen steht schon seit einer Stunde im Stall des Neusser Nixhofes. „Sechzehn Stunden bin ich in der Woche meist hier“, sagt sie, während sie den Dunkelfuchs striegelt. Viele Wettkämpfe hat sie mit ihm bestritten, alleine, in der Gruppe und im Doppel, dem Pas de Deux, mit ihrem Partner Johannes Kay. Der macht sich gerade warm.

„Pferde sind sehr direkt“, sagt Johannes, während er sich mit kerzengeradem Rücken in einen Spagat setzt. „Dadurch entsteht bei der Arbeit mit ihnen eine besondere Beziehung.“ Jede seiner Bewegungen ist Präzision. So wie bei den akrobatischen Choreografien, die Voltigierer auf Pferderücken turnen, wenn sie bei Wettkämpfen in Pflicht, Technik und Kür ihr Können beweisen.

Kavallerie und Choreografien

Dabei hat das Voltigieren seine Wurzeln im Kampf – bei den Griechen, Römern und Germanen ebenso wie bei den Ureinwohnern Nordamerikas oder den Steppenvölkern Asiens. Im schnellen Galopp mussten sie, freihändig auf dem Pferd sitzend, mit ihren Bögen oder Gewehren treffen. In der Renaissance entwickelte sich das dann zu einer Kunstform. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zum Freizeit- und Wettkampfsport.

Johannes‘ ausgeprägtes Körperbewusstsein ist nicht nur wichtig für die Choreografien, sondern auch für seinen Job: So wie Janika ist der 23-Jährige im Hauptberuf Physiotherapeut. Zum Voltigieren kam er mit neun Jahren, angespornt von seiner Mutter. Bei Janika Derks war es eine Schulfreundin, die sie mitnahm. Da war sie acht. Seitdem ist viel passiert: Beide haben mittlerweile fast so viele Meisterschafts-Medaillen gewonnen, wie sie Jahre alt sind.

Wie Rädchen in einem Uhrwerk
Longenführerin, Turner und Pferd

In der Mitte der Reithalle wartet Jessica Lichtenberg, ihre Trainerin und Longenführerin. Sie gehört schon lange zum Team Neuss des RSV Neuss-Grimlinghausen. Bei diesem Verein trainieren Voltigierer aller Altersgruppen – von den ganz Kleinen bis hin zu den Weltklasse-Profis. Teamgeist wird hier großgeschrieben.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, ein Satz von Aristoteles, steht auf der Webseite des Vereins. Er ist seit Jahren Rekordhalter bei Welt- und Europameisterschaften, deutscher Rekordmeister und Seriensieger des CHIO Aachen (Concours Hippique International Officiel), dem offiziellen Reitturnier der Bundesrepublik Deutschland.

Johannes, Janika und Jessica besprechen kurz die Figuren, die sie trainieren wollen. „Pferd, Longenführer und wir Turner bilden alle gemeinsam ein Team“, betont Johannes, während Diamond Sky die ersten Runden an der zwölf Meter langen Leine läuft. „Die Longenführer wirken ganz erheblich auf das Pferd ein – das kann einen Wettkampf entscheiden.“ Das Zusammenspiel der Beteiligten vergleicht er gerne mit einem Uhrwerk, bei dem „viele Zahnräder ineinandergreifen, Schwächen aufgefangen, Stärken und Charaktere der Einzelnen aufeinander abgestimmt und optimiert werden“.

Eine Frage der Technik

Nun läuft Janika auf Diamond Sky zu, stellt sich auf seinen Rhythmus und seine Bewegungen ein und springt auf. Fast wie im Schulbuch schwingt sie das rechte Bein nach oben, während ihr linkes Bein innen am Pferd bleibt. Sie nutzt den Schwung des Pferdes aus, um in die korrekte Sitzposition zu kommen, ohne es in seinem Galopp zu behindern. Dann geht sie über zur Bank. Diese Position müssen Pferd und Reiter bei Wettkämpfen regelmäßig in der Kür zeigen. Sie kniet sich auf Diamond Skys Rücken. Ihre Unterschenkel positioniert sie neben seiner Wirbelsäule, ihr Rumpf verläuft parallel und fast gerade zum Pferd.

„Voltigieren ist Harmonie auf und mit dem Tier“, sagt Johannes, während Janika ihre Arme leicht nach vorne nimmt und ihre Hände ihren Platz auf den Griffen des Voltigiergurts finden. Dann richtet sie ihren Blick nach vorne. „Kraft spielt nur eine untergeordnete Rolle“, hatte sie vorher noch gesagt. „Bei uns ist alles eine Frage der Technik.“

Eine Klasse für sich

Jetzt läuft auch Johannes mit rhythmischen Schritten zu Diamond Sky und springt auf. Fast übergangslos kommt er auf dem Rücken des Pferdes hinter Janika zum Stehen. Mit seinen Knien federt er das Auf und Ab des Galopps aus. Sein Rücken ist kerzengerade, als er seine Arme in einen Neunzig-Grad-Winkel hebt.

Dann ein kurzes Nicken der Trainerin. Johannes greift Janika in die Seiten, wartet auf den nötigen Schwung aus Diamond Skys Bewegung, drückt seine Partnerin in Richtung Hallendecke – und wirft sie in die Luft. Sie dreht sich 360 Grad um ihre Achse, bevor ihr Partner sie sicher auffängt. Diese Präzision und Eleganz beweisen, dass sich das jahrelange gemeinsame Training lohnt. Die beiden Akrobaten vertrauen sich, ihrem Pferd und ihrer Longenführerin blind, alles passt – gemeinsam ist das Team Neuss allem gewachsen.

Das Repertoire der beiden Akrobaten ist riesig. Sie sind so professionell, dass sie sich vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Frankreich auf Platz Zwei turnen konnten – obwohl Diamond Sky kurzfristig ausgefallen war und sie mit einem Ersatzpferd antreten mussten. „Da muss das Tier schon das Können der Voltigierer spüren, damit es so kurzfristig im Flutlicht eine solche Herausforderung meistern kann“, sagt Trainerin Jessica Lichtenberg, während sie Diamond Sky weiter aufmerksam an der Longe führt.

Volle Konzentration
Training am Holzpferd

Voraussetzung für eine so erfolgreiche Arbeit ist die uneingeschränkte Konzentration auf das Training. „Deswegen ist die Hilfe der Sparkasse Neuss für unseren Verein so wichtig. Das Institut ist seit vielen Jahren einer unserer Sponsoren“, erklärt sie. „Außerdem unterstützt uns die Sportstiftung der Sparkasse.“

Ziel der Stiftung Sport der Sparkasse Neuss und des Rhein-Kreises Neuss ist neben der Förderung des Leistungssports die gezielte Nachwuchsarbeit: Talente werden nicht nur finanziell, sondern auch bei ihrer Karriereplanung unterstützt. „Damit denken wir auch an die berufliche Zukunft der heutigen Spitzensportler. Wir wollen es ihnen einfacher machen, ihr Leben außerhalb des Spitzensports erfolgreich gestalten zu können“, betont Stephan Meiser, Direktor Unternehmenskommunikation und Sprecher der Sparkasse Neuss. „Dazu vernetzen wir und bündeln alle Kräfte: die der Vereine, unsere eigenen und die unserer Sportstiftung."

Außerdem investieren die rheinischen Sparkassen jährlich insgesamt fast 14 Millionen Euro in den Sport der gesamten Region. Von einem Teil des Geldes profitiert unter anderem auch der RSV Neuss-Grimlinghausen: „Diese Unterstützung trägt dazu bei, Pferde anzuschaffen, zu trainieren und zu halten, den Tierarzt zu bezahlen, Ausstattungen für die Pferde und Trikots für die Voltigierer zu kaufen“, fügt die Trainerin hinzu. Außerdem sei die Unterstützung bei der Teilnahme an Turnieren hilfreich, die sonst oft nicht möglich wäre.

Die Hauptstadt der Pferdewelt

Das gilt besonders für den CHIO Aachen. Dort treffen sich einmal im Jahr die besten Pferdesportler der Welt. Sie messen sich neben dem Voltigieren in den Disziplinen Springen, Dressur, Vielseitigkeit und Vierspännerfahren. In Aachen teilnehmen zu können, sei etwas ganz Besonderes, schwärmt Janika, als sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden steht. „Publikum, Organisation, Atmosphäre – in Aachen passt alles!“ Erst im vergangenen Jahr gewann sie dort den „Preis der Sparkasse“.

Beim CHIO gehen aber nicht nur renommierte Profis aus der ganzen Welt, sondern auch der Nachwuchs an den Start, unter anderem beim Sparkassen Youngsters Cup. Daher gilt Aachen unter ihnen als das wichtigste Turnierereignis des Jahres. Ein Muss, um Erfahrungen zu sammeln.

Johannes bereitet nun seinen „Kamikaze-Abgang“ vor, mit dem er schon viele Jurys beeindruckt hat: Ruhig steht er auf Diamond Skys Rücken, stimmt seine Bewegungen ganz auf die des Pferdes ab. Er hält inne, wartet, nimmt Schwung – und macht einen Salto in den Sand. Rückwärts.

Zwei Voltigierer auf ihrem Pferd

Es lebe der Sport

So sehen Helden aus – wie du und ich

Wo werden eigentlich die Olympioniken von übermorgen trainiert und entdeckt? Im Verein! Auf dem Weg vom Breitensport zum Spitzensport gibt es noch eine weitere wichtige Instanz: „Jugend trainiert für Olympia“, den größten Schulsportwettbewerb der Welt. Und außerdem? Sorgt das Deutsche Sportabzeichen seit mehr als 100 Jahren für Spaß, Fitness und Wettkampf-Feeling.

CHIO Aachen

Willkommen zum Weltfest des Pferdesports

Einmal im Jahr ist die Welt zu Gast in Aachen. Das ist keine Metapher, sondern Realität: Denn immer im Sommer treffen sich hier die Reiterelite und der vielversprechende Nachwuchs aus der ganzen Welt.